Von 80 auf 100 – oder wie man die 100er Zulassung für den Pferdeanhänger bekommt

Die 100er Zulassungs-Plakette Foto: Freia Schultz-Friese

Die 100er Zulassungs-Plakette Foto: Freia Schultz-Friese

Freia Schultz-Friese - Jan 23, 2015: Endlich 100 fahren mit Pferdeanhänger auf der Autobahn. Nicht mehr hinter stinkenden LKWs klemmen oder von diesen geschoben werden. Doch wie kommt man an die begehrte Plakette? Welche Vorraussetzungen müssen erfüllt werden?

Geträumt habe ich schon lange davon. Endlich 100 fahren mit Pferdeanhänger auf der Autobahn. Nicht mehr hinter stinkenden LKWs klemmen oder von diesen geschoben werden.

Doch bei 80 ist Schluss, so will es der Gesetzgeber. Vor einigen Jahren überholten mich dann Autos mit verschiedenen Anhängern. „Was für Raser“ dachte ich, sah dann aber von hinten ein Tempo 100 Schild auf dem Anhänger prangen.

Tempo 100? Ich auch!

Meine damaligen Recherchen ergaben, dass weder mein alterschwaches Auto noch mein noch älterer Pferdeanhänger Tempo 100 tauglich waren. Somit wurde mein Wunsch erstmal aufgeschoben.

Nun habe ich einen fast neuen Anhänger und einen Caddy Tdi Bj. 2007 und mein Wunsch nach mehr Geschwindigkeit flammte wieder auf.

Also was brauche ich?

Fangen wir beim Anhänger an. Grundsätzlich kommt es nicht auf das Alter des Anhängers an. Er braucht nicht unbedingt eine spezielle Kupplung, heute gibt es Autos, die über ihr ESP das Schlingern des Anhängers gleich mit verhindern können. Hat das Auto aber keine solche Vorrichtung, muss der Anhänger mit einer Stabilisierungseinrichtung für Zentralachsanhänger (Schlingerkupplung) ausgerüstet sein.

Pflicht ist, dass der Anhänger hydraulische Achsstoßdämpfer hat. Die kann man (sofern man ein Fahrgestell einer gängigen Marke hat (z.B. A-L-K-O) sehr leicht nachrüsten. Ich musste dafür nicht einmal bohren oder ähnliches. Alle Löcher war schon vorgebohrt, selbst die Schrauben wurden mitgeliefert. Innerhalb von einer zugegeben ungemütlichen Stunde unter meinem Anhänger war alles montiert. Kein Problem!

Pflicht ist auch, dass die Reifen am Anhänger

  • nicht älter als 6 Jahre sind

  • mind. der Geschwindigkeitskategorie L angehören also für 140 km/h zugelassen sind.

Die Geschwindigkeitskategorie der Reifen kann man bequem an der Seitenwand der Reifen ablesen.

Soweit zum Anhänger. Nun kommen wir zum Zugfahrzeug.

Dieses muss

  • wenn der Anhänger nicht über eine Schlingerkupplung verfügt, ein spezielles fahrdynamisches Stabilitätssystem für den Anhängerbetrieb haben, für das eine Herstellerbestätigung über die Verbesserung der Fahreigenschaften des Gespanns bis 120 km/h vorliegt.

  • ABS haben

  • eine zulässige Gesamtmasse von höchstens 3.500 kg haben

Das Fahrzeug muss auch massemäßig in einem bestimmten Verhältnis zum Anhänger stehen.

Allgemein gilt, dass keiner der folgenden Werte übeschritten werden darf:

  • die zulässige Anhängelast des Zugfahrzeugs (finden Sie im Fahrzeugschein)

  • die zulässige Gesamtmasse des Zugfahrzeugs (finden Sie im Fahrzeugschein)

  • das Produkt aus x * Leergewicht Zugfahrzeug (x wird mit der Formel unten errechnet)

Das Fahrzeug muss nämlich massemäßig in einem bestimmten Verhältnis zum Anhänger stehen.

Es gilt folgende Formel bei einem gebremsten Pferdeanhänger mit Stoßdämpfern:

 

         zulässiges Gesamtgewicht Anhänger < 1,1 * Leergewicht/Zugfahrzeug

 

Hat Ihr Auto ein fahrdynamisches Stabilitätssystem für Anhänger eingebaut (muss im Fahrzeugschein vermerkt sein) oder Anhänger eine Schlingerkupplung, können Sie in der Formel die 1,1 durch eine 1,2 ersetzen.

Hier ein kleines Beispiel anhand meines Gespannes (Auto mit fahrdynamischem Stabilitätssystem für Anhänger)

Der Anhänger hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 2000 kg

Das Auto wiegt leer 1670 kg * 1,2

Das Ergebnis wäre also 2004 kg.

Passt also.

Aber: Mein Auto hat nur eine zulässige Anhängelast von 1500 kg. Dies würde der ersten Regel oben wiedersprechen. Die 100er Zulassung habe ich trotzdem :-) mit der Auflage, dass ich nur 1500 kg dranhängen darf. (Was ich ja sowieso nur machen darf) und dass das ziehende Auto mind. ein Leergewicht von 1670 kg haben muss.

Die Verantwortung liegt also voll bei mir.

Das schon in die Jahre gekommene 100er Gesetz wurde kürzlich vom Gesetzgeber modifiziert. Die 100er Zulassung erhält nun nur noch der Anhänger.

Das Sie das richtige Fahrzeug davor setzen ist Ihre Sache. Einerseits super, entfällt doch die lästige Bindung an ein bestimmtes Zugfahrzeug. Andererseits sollte man sich mit dem Fahrzeug und auch den geladenen Kilos im Anhänger gut auskennen, um nicht doch zahlen zu dürfen.

Denn wird man erwischt, ist dies unter Umständen ein Fahren ohne Zulassung – ja Sie haben richtig gelesen – und das ist nicht mit einem Bußgeld getan.

Zu beachten ist im übrigen auch noch die Stützlast. Hat das Auto eine max. Stützlast von 75 kg und der Anhänger 90 kg, dann gilt auf jeden Fall der kleinere Wert. Auch hier kann man im Falle eines Falles sein "blaues Wunder" erleben.

Sollten Sie nun ein Gespann haben, welches momentan irgendeine Voraussetzung nicht erfüllt, gilt wieder Tempo 80.

So, dass waren die Fallstricke :-)

Ich ließ mich nicht entmutigen und bin mit dem Anhänger zum TÜV. Dort erhielt ich eine Bescheinigung, dass mein Anhänger generell für Tempo 100 geeignet ist. Damit und mit Brief und Fahrzeugschein bin ich dann zum Straßenverkehrsamt. Nach kaum 3 h Wartezeit :-() und um knappe 15 Euro ärmer kam ich dann glücklich mit einem überdimensionierten Tempo 100 Aufkleber wieder raus. Zuhause hab ich es dann gleich den Aufkleber auf der Anhänger geklebt. (siehe Foto) Schick oder ;-)

Übrigens:

Tempo 100 dürfen Sie nur auf Autobahnen und Kraftfahrtstraßen fahren. Auf Landstraßen außerhalb geschlossener Ortschaften, gilt weiterhin Tempo 80.

Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt!

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