Das Aufnehmen der Zügel

Christine Sander - Feb 11, 2010: 3. Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

In der Vorhandwendung hat das Pferd gelernt, mit der Hinterhand zur Seite zu treten. Im Schritt ohne Gebisseinwirkungen hat es heraus gefunden, wie es diese Erfahrung nutzen kann, um mühelos zu wenden. Solange das Pferd nicht mit der Nase zuerst wendet, und die Wirbelreihe vom Genick bis zur Schreifrübe in Längsbiegung folgt, rührt der Reiter das Gebiss nicht an. Er reitet das Pferd mit mehr oder weniger hängenden Zügeln bis es zwanglos gerade und gebogenen Linien abschreiten kann.

Der Reiter lernt dabei, das Pferd durch die Einwirkung seiner Seiten zu wenden. Zügel zum oder weg vom Pferdehals sind ein Wink, den das aufmerksame Pferd mit wachsender Zwanglosigkeit immer weniger braucht. Je nach dem Grad der Schiefe wird der Reiter seine Seiten und/oder Zügel unterschiedlich einsetzen. So bewirkt er rechts- und links herum nach und nach ein ähnlich zügiges Wenden.

Und, - irgendwann kommt der Augenblick, um den Kontakt zum Pferdemaul herzustellen. Neben den genannten Wirkung des Zügels am Hals kann der Reiter nun zusätzlich mit seinem Ringfinger auf das Maul des Pferdes einwirken. Das Öffnen und Schliessen des Ringfingers entspricht dem Spielraum des Unterkiefers bei geschlossenem Pferdemaul.

Was macht den Kontakt aus? Die Ringfinger des Reiters regen den gelösten Unterkiefer des Pferdes an. Sie bewachen die Genickstellung. Ein Energieaustausch entsteht zwischen den Händen des Reiters und der Mittellinie des Pferdes.


"Die Elemente der Reiterei (2007)". Hinterhaupt, erster Halswirbel und Kiefergelenk

Die individuelle Ansprache dieser fundamental verschiedenen und doch rein räumlich ganz nah zusammenliegenden Funktionen im oberen Hals und Kopf des Pferdes kennt das Pferd bereits von der Arbeit an der Hand.

Im Normalfall gleicht der Kontakt zwischen dem Ringfinger des Reiters und dem Unterkiefer des Pferdes einem Nullpunkt, der genau zwischen berühren und nicht berühren liegt. Das Pferd übt weder durch Muskelanspannung noch durch das Gewicht seines Halses/Kopfes Druck auf die Hände des Reiters aus. Der Reiter übt mit seinen Händen keinen Druck auf den Unterkiefer des Pferdes aus.

Die frei bewegliche Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul ist Voraussetzung für Selbsthaltung, Durchlässigkeit und Geschmeidigkeit.

Mit dem Aufnehmen der Zügel stellt sich die Frage der Haltung. Solange das Pferd lang und niedrig ist, wird der Reiter nicht anders können, als es am hingegebenen oder langen Zügel gewähren zu lassen. Wenn es an Kraft gewinnt hebt es Kopf und Hals und schreitet freier aus. Spätestens dann macht sich die ausgedehnte Vorarbeit ohne Gebisseinwirkungen bezahlt.

Das Pferd ist startklar, in Haltung und im Gleichgewicht. Es braucht und sucht keinen Halt vom Reiter. Es trägt sich. Hinterhand und -beine kennen den Unterschied zwischen Tragen und Schieben. Weiterhin bewachen die Ringfinger des Reiters die laterale Stellung des Genicks und die aufrechte Haltung des Nasenrückens. Das Pferd trägt den frei geschwungenen Hals in der von ihm gewählten Haltung. Der Reiter bestimmt das Tempo.

Die sogenannte Anlehnung drückt sich im Vertrauen des Pferdes zur Reiterhand aus. Es sieht keinen Grund das Hals-Kopfgelenk zu schliessen. Im Gegenteil es schiebt das Hinterhaupt vor und nimmt dadurch den Kontakt zur Reiterhand auf. Es dehnt so die Wirbelreihe von Kopf bis Schweif um genau die Zentimeter, die den Spielraum dieses Gelenks ausmachen. Die Ohren sind gespitzt.

In der nächsten Folge:  Halten, Stehen und Anreiten...

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