Die Acht im Schritt

Christine Sander - Mär 12, 2010: 5. Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

Das Pferd kann um die Vorhand, um die Hinterhand oder um den tiefsten Punkt des Rückens wenden. Über diesem erhebt sich die Wirbelsäule des Reiters. Wenden um den Widerrist belastet die Vorhand. Wenden um die Kruppe belastet die Hinterhand. Beim Wenden um die Mitte rotiert es um die einzige Fall-Linie, die Pferd und Reiter teilen.

Die einseitige Zügeleinwirkung weg vom Hals rotiert das Pferd um Widerrist, Schultern und Vorderbeine. Die Hinterbeine treten seitwärts. Die einseitige Zügelwirkung hin zum Hals rotiert es um den höchsten Punkt der Kruppe und die Hinterbeine. Schultern und Vorderbeine treten seitwärts. Die Kombination beider Zügeleinwirkungen bei seitlichem Verlegen beider Hände rotiert das Pferd um die Mitte und das Zentrum seines Gleichgewichts.

"Die Elemente der Reiterei (2007)". Die Schultern des Pferdes.

Das heisst, der Reiter hat das Gleichgewicht und die Gewichtsverteilung des Pferdes sprichwörtlich in der Hand. Wendepunkte und korrespondierende Zügelhilfen sind auch das Mittel, um das Pferd im Schritt auf der Acht gleichseitig zu machen. Sie stimmen Pferd und Reiter auf Gymnastizierung und Geschmeidigkeit in Seitengängen ein.

In der Vorhandwendung hat das Pferd gelernt den einseitigen Hilfen zu weichen und dabei den Rücken gehoben. Im Schritt am hängenden Zügel hat es gelernt den Reiter in sein Gleichgewicht zu integrieren und im Kruppeheraus zu wenden. Beim Aufnehmen der Zügel hat es die weichen Einwirkungen des Ringfingers kennen und durch Nachgeben des Unterkiefers interpretieren gelernt.

Beim Anhalten hat es begonnen die Einwirkungen der Hand auf Gebiss, Unterkiefer und Zunge durchzulassen und/oder Erfahrungen mit der kombinierten Einwirkung von Bein, Becken und dem Heben der Reiterhände gemacht. Es hat sich beim Stehen in Hab-Acht-Stellung gefunden und ist beim Lösen der Reiterbeine wieder angetreten. Es bewegt sich zwanglos auf geraden und gebogenen Linien.

Auf der Acht im Schritt lernt es nun, sich vermehrt auf gebogenen Linien zu bewegen und immer wieder die Richtung zu wechseln. Der Reiter macht dabei einen deutlichen Unterschied zwischen Kurven und Geraden. Auf gebogenen Linien ist das Pferd im Genick gestellt; die Wirbelreihe folgt in Längsbiegung. Beim Verkleinern der Acht biegt sich das Pferd zusätzlich im Hals und gibt in den Rippen nach. Auf geraden Linien ist es vom Genick bis zum Schweif gerade. Oder, - so gerade wie es ihm der Grad der Geraderichtung erlaubt.

Je nach Aufrichtung und Geraderichtung wird der Reiter das Pferd mehr mit Zügeln weg vom oder hin zum Hals wenden und seine Seiten entsprechend einsetzen. Wichtig ist, dass sich das Pferd auf den Reiter einstimmt und seine Anweisungen ganz genau ausführt. Genauso wichtig ist es, dass der Reiter spürt, wie weit das Pferd auf der einen und der anderen Seite in Hals, Rippen und der Stellung der Kruppe nachgeben kann.

Zwischen den Grenzen, die dem schiefen Pferd gesetzt sind und der richtigen Wahl von Wendepunkten und Gewichtsverteilungen, die es nach und nach aus diesen Grenzen befreit entsteht im Pferd Vertrauen. Frieden kehrt ein. Der Reiter legt so nicht nur den Grundstein für die Geraderichtung, sondern für eine erfolfreiche Kommunikation. Es lohnt sich, dabei langsam und gewissenhaft vorzugehen, immer wieder anzuhalten und dem Pferd die Gelegenheit zu geben, das was in seinem Körper vorgeht bewusst zu erleben.

Unruhe ist so gut wie immer Ausdruck von Schwäche und/oder Schmerzen. Plus der Frustration den Reiter unter diesen Umständen tragen zu müssen. Mit der Geraderichtung geht deshalb immer auch Fürsorge für die Gesundheit des Pferdes einher. Deren erfolgreichste Taktik ist der Takt des Reiters: Immer wieder anfragen, bald loben, mit wenig zufrieden sein. Wissen wie weit er gehen kann und wann die Zeit für mehr gekommen ist.

Es geht also in der Acht nicht nur ums Biegen und Umstellen des Pferdes. Es geht um Wendepunkte und Gewichtsverteilung, die die Geraderichtung und die Gymnastizierung begünstigen. Es gibt aber noch eine Eigenart im schiefen Pferd, der der Reiter auf der Acht Rechnung trägt.

Das Ideal der klassischen Reiterei ist die Führung des Pferdes mit beiden Zügeln in einer Hand. Der Reiter merkt jedoch bald, dass er das Pferd, solange es nicht ganz gerade, gut aufgerichtet und in den Hanken geschmeidig ist, nicht mit einer Hand führen kann. Genausowenig wird es zunächst den Kontakt zu seinen beiden Händen suchen, sondern wird eine Hand bevorzugen.

Der Reiter begnügt sich deshalb damit, das Pferd zwischen den Zügeln auszubalancieren und mit dem führenden Zügel entweder hin zum oder weg vom Pferdehals zu wenden. Das Wenden der Seiten und die Blickrichtung des Reiters bewirken im aufmerksamen Pferd dabei auch das Umstellen des Genicks.

Das junge, gesunde Pferd wird sich so schon bald an einem Zügel genau so gut führen lassen, wie am anderen. Das wirkliche schiefe Pferd braucht dafür Zeit. Das gestörte, misshandelte und entmutigte Pferd jedoch wird wahrscheinlich nicht ohne Schulterherein seine energetische Mittellinie wiederfinden, und sich überhaupt führen lassen.

Als nächstes kommen Theorie und Praxis des Seitwärtstretens...
 

Rubriken