Gleichgewicht und Seitwärts

Christine Sander - Apr 18, 2010: 6. Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

In der freien Wildbahn wechselt das Pferd zwischen gemächlichem Schritt mit offener Kruppe und schnelleren Gangarten mit geschlossener Kruppe. Wenn sich die Kruppe schliesst hebt sich der Kopf des Pferdes und die Energie fährt hoch. Das Heben des Halses und die Elastizität der Hanken stehen dabei im Einklang. Das Pferd entfaltet sein dynamisches Gleichgewicht um einen steten Gleichgewichtspunkt in der Mitte des Körpers. Je höher der Hals, umso gesenkter die Hanken.

Auch die Rotation der Hinterbeine ist im Gleichgewicht. Anheben, Vorschwingen, Aufsetzen und Abschieben sind so aufeinander abgestimmt, dass die Hinterbeine gleichmässig "rollen". Sie treten nicht weiter unter als sie nach hinten herausschwingen. Im Idealfall entspricht das Heben der Hinterbeine der Grösse der Tritte. Je grösser die Tritte umso höher heben sich die Hinterbeine.

Aus: "Die Elemente der Reiterei (2007)". Hinterbeine und Hanken.

Das Gleichgewicht des Pferdes mit geschlossener Kruppe und das damit einhergehende Gleichgewicht der Hinterhandbewegungen gilt es auch unter dem Reiter zu erhalten. Das gelingt, wenn der Reiter die Wahl der Haltung dem Pferd überlässt. Wenn er selbst im Gleichgewicht ist und still auf seinem Sitzplatz über dem Zentrum des equiden Gleichgewichts sitzt. Es gelingt so lange die Motivation des Pferdes und sein Kruppenschluss erhalten bleiben und die Muskulatur mitmacht. Aus diesem Grund ist anfangs mäßig aber regelmäßig mehr.

Kein Lebewesen bleibt lange jung. Die schwingende Elastizität der Muskulaturen schwindet. Versteifungen des Bindegewebes setzen die Beweglichkeit der Gelenke herab und bedrängen damit auch massiv das Gleichgewicht. Das geeignete Mittel, um diesem natürlichen Prozess entgegen zu wirken, sind in der Reiterei die Seitengänge.

Im Schritt auf der großen Acht läuft das Pferd auf geraden und gebogenen Linien. Es belastet das äussere Hinterbein im Kruppe vor und das innere Hinterbein beim korrekten Wenden. In engen Wendungen legt es die Rippen unter dem inneren Bein des Reiters flach und dehnt die äussere Seite. Es wechselt zwischen Gehen und Stehen.

Zusätzlich zur diesen gymnastizierenden Wirkungen lehrt der Reiter das Pferd erst an der Hand und dann unter dem Sattel, auf den Wink leichter Hilfen seitwärts zu treten. Dabei bewegt das Pferd alle vier Beine im Takt der gewählten Gangart zur Seite. Hals und Rückgrat sind gerade. Hüftgelenke und Schultern werden geschmeidig. Die bei weitem einfachste Art dem Pferd Übergänge vom Geradeaus zum Seitwärts beizubringen ist das verhaltende Schliessen der Beine mit einem darauf folgenden Verlegen der Daumen in die neue Bewegungsrichtung. Im Fluss der Seitwärtsbewegung öffnet der Reiter das Hüftgelenk auf der Seite, in die das Pferd tritt und schliesst das andere.

Die sicher seitwärts weisende Wirkung gewendeter Handgelenke ist das Ergebnis der veränderten Stellung von Elle und Speiche im Unterarm der Reiters. Die selbe Hilfe unterstützt das Wenden der Seiten und die hin zum oder weg vom Hals wirkenden Zügel im Schulter- und im Kruppevor, welche nicht anderes sind als seitwärts in ganz geringer Abstellung. Beim Übergang von Geradeaus zu Seitwärts ergibt sich so auch die erste Gelegenheit für das halbe Halten.

Beim Seitwärtstreten des Pferdes wird vorallem die Geraderichtung des Reiters zum entscheidenden Thema. Die mittlere Stellung des Lumbosakralgelenks zwischen unterer Lendenwirbelsäule und Kreuzbein erhält die mittlere Beckenstellung des Reiters. Die Kreuzbein-Darmbein-Gelenke zwischen Becken und Kreuzbein bleiben stressfrei und korrespondieren mit Sinnen und Atem. Die Hüftgelenke zwischen Becken und Oberschenkel rotieren und sind frei beweglich. Der Reiter spürt und dirigiert die Seitwärtsbewegung der Hinterbeine Tritt für Tritt mit seinem Hosenboden.

Als nächstes kommen die flachen Schlangenlinien...

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