Die flachen Schlangenlinien

Christine Sander - Mai 1, 2010: 7. Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

Am und ums Becken gibt es im Pferd und im Menschen drei ganz unterschiedliche Gelenke, die -wie zu erwarten - völlig verschiedenen Funktionen erfüllen. Das Lumbosakralgelenk zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem Kreuzbein öffnet und schliesst sich und bestimmt so Position und Haltung des Rückgrats. Im Iliosakralgelenk zwischen Kreuzbein und Becken federn sich Ober- und Unterkörper aus. Hier werden die Wahrnehmungen der Sinne auf die Steuerung des Bewegungsapparats übertragen. Bei weitem am beweglichsten sind die Hüftgelenke zwischen Becken und Oberschenkel.

Der Körper besitzt nur ein Lumbosakralgelenk. Wie ein Schieber befindet es sich im Pferd unter den zwei nicht verbundenen oberen Enden der Beckenflügel, ungefähr im höchsten Punkt der Kruppe. Im Menschen verbindet es die aufrechte Lendenwirbelsäule mit dem darunter liegenden Kreuzbein. Kreuzdarmbeingelenke und Hüftgelenke hingegen kommen immer paarweise. Im Pferd ruhen - ganz ohne deutliche Knochenausformungen, welche auf ein Gelenk hindeuten würde - die zwei Flügel des Beckens auf den zwei lateralen Fortsätzen des vorderen Kreuzbeins. Im Menschen lagern die Seiten des Kreuzbeins in mit Knorpel ausgefüllten Ausformungen des hinteren Beckens. In beiden Fällen handelt es sich weniger um Gelenke mit Bewegungsspielraum, als um eine Aneinanderlagerung von Knochen, mit etwas federndem Material dazwischen. Ganz anders die Hüftgelenke. Sie beeindrucken nicht nur durch ihre Beweglich-, sondern auch durch ihre Haltbarkeit. In Pferd und Mensch sind die Halbkugel förmigen oberen Enden des Oberschenkelhalses durch ein starkes internes Band und eine kräftige umhüllende Manschette in der Gelenkspfanne gesichert. 

Das Pferd besitzt dank dieser Gelenke in seiner Hinterhand eine Einrichtung, die nicht nur für Vorwärts, sondern auch für Beweglichkeit in alle Richtungen und für sämtliche Tempounterschiede perfekt vorgerichtet ist. Sie wird - nach schier unendlich vielen Wendungen - meist erst auf der ganz flachen langen Schlangenlinie voll in Betrieb genommen. Wenn das Pferd diese mühelos beherrscht, kann es im Normalfall die Geraderichtung auch auf langen geraden Linien draussen aufrecht erhalten. 

Dabei wirken Becken und Lenden wie zwei Teile eines Sprungbretts, welches im Lumbosakralgelenk die Lenden hebt und so die Form der Kruppe, ja der ganzen Oberlinie bestimmt. Jede Regelung der Hinterbeine, die fällig wird sobald das Pferd sich bewegt, finden in dem empfindlichen Iliosakralgelenk zwischen Becken und Kreuzbein, den stabilen beweglichen Hüftgelenken und dazu den tragenden Kniegelenken (das heisst, in den Hanken) statt. Bei dieser Betrachtung wird auch klar, dass der Lendenbereich des Pferdes und der Übergang zur Kruppe nicht zum Biegen geeignet sind.

Aus: Die Elemente der Reiterei (2007). Die drei Gelenke ums und am Becken und die Bänder der Hinterhand.

Aus: Die Elemente der Reiterei (2007).
Die drei Gelenke ums und am Becken und die Bänder der Hinterhand. 

Das Pferd hat auf langen Linien gelernt das Gewicht des Reiters in sein Gleichgewicht zu integrieren, sich mit Sattel und Gurt zwanglos zu bewegen und ohne Konflikt für die Rückenwirbel zu wenden. Auf der Acht hat es begonnen, sich im Wechsel von Geradeaus und Wenden geradezurichten. Dabei hat der Reiter im Kruppeheraus bzw. Schultervor und im Kruppevor das Gewicht des Pferdes gleichmässig auf alle vier Beine verteilt. Da Wendungen in Innenstellung das innere Hinterbein belasten, waren Kruppevor und Konterkruppevor in geringer Abstellung  die geeignete Übung, um immer wieder auch das äussere Hinterbein zu belasten.

Noch ist keine Rede von Trab oder Galopp. Das Pferd hält prompt an. Es kann in Haltung stehen. Es beherrscht die klassische Vorhandwendung am Platz in Innen- und in Aussenstellung. Gelegentliche Rückwärtstritte werden nicht explizit verboten. Das Pferd lässt sich am inneren, am äusseren und/oder an und zwischen beiden Zügeln führen. Es hat einen beweglichen Unterkiefer und sucht die Hand des Reiters.

Vom Schritt auf der langgezogenen Acht kennt es das Schreiten auf fortlaufenden Linien. Es hat auf zwei halben Zirkeln und zwei Geraden laufend die Hand gewechselt. Beim Verkleinern der Acht hat es auf zwei halben Volten gewendet. Es beherrscht einige Seitwärtstritte. Und nun ist es an der Zeit, den prompten Richtungswechsel auf den flachen Schlangenlinien zu beginnen.

Auf diesen Schlangenlinien wird die Geraderichtung vollendet. Dabei wird das Pferd leichtfüssig und die Energie der Mittellinie beginnt zu fliessen. Es lässt sich mühelos zwischen den Zügeln führen mit den Schultern auf ganz flach geschwungenen Linien hin und her führen. Dabei übernimmt bei jedem Richtungswechsel das äussere Hinterbein prompt die Last des noch inneren Hinterbeins und wird dann selbst zum inneren Hinterbein. Das Lumbosakralgelenk im höchsten Punkt der Kruppe wird zum Wendepunkt. 

Die flache Schlangenlinie bereitet, mehr als alle anderen Übungen, die Geraderichtung auch der Vorhand im Bewusstsein des Pferdes vor. Dabei entdeckt das Pferd oft erst, dass und wie schief es ist. Und findet heraus, dass und wie es sich - durch die Verschiebung aller Unregelmäßigkeiten zur Mitte hin - auf eine Linie ausrichten und so die Mittellinie zum Fliessen bringen kann. Häufig findet dabei eine regelrechte Selbstentdeckung statt, bei der das Pferd das Hinterhaupt im Genick vorschiebt, die Oberlinie aktiviert und die Hinterhand mobilisiert. 

Zusammenfassend. Pferd und Reiter haben in den ersten sieben Abschnitten der Lehre, "Was tun diese Übungen eigentlich" die Geraderichtung der Hinterhand begonnen und dabei das reiterliche Gleichgewicht hergestellen. Der Reiter hat dem Pferd die Wahl seiner Haltung, die in erster Linie auf der Kraft der Kruppe und der Flexibilität der Hanken beruht,  selbst überlassen. Viele Pferde haben sich aufgerichtet und dem Reiter voll anvertraut. Bald werden sie in schönster Selbsthaltung den Trab beginnen und dann das kontrollierte Angaloppieren erlernen. 

Pferde, die weiterhin nur die Tiefe suchen und/oder auch in Haltung die Geraderichtung der Hinterhand immer wieder verlieren werden erst in den Lektionen der Geraderichtung Zwei und Drei weiter vorbereitet. 

Als nächstes kommt eine Zusammenfassung alles bisher Gesagten aus praktischer Sicht des Schulungsalltags... und eine Einführung in Geraderichtung Zwei und Drei...

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