Schaukel, gezählter Schritt und Hinterhandwendung

Christine Sander - Jul 14, 2010: 10. und vorläufig letzte Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

Im Normalfall können Pferde, sobald sie sich auf den langen flachen Schlangenlinien gefunden und eine gleichmässige Anlehnung an beide Hände des Reiters aufgenommen haben, im Schritt auf erste kleine Ausritte gehen. Pferde, die sich nicht gefunden haben, bleiben weiter in der Reitbahn bis sie sicher die Hinterbeine belasten und den Rücken heben können. Es entsteht so jedoch ein psychologisches Problem.

Allen nur in der Reitbahn geritten Pferden droht der Motivationsverlust. Ihnen fehlt die vorbeiziehende Landschaft, der Wechsel von Böden und Gefällen, die Herausforderung unter dem Reiter die Welt kennenzulernen. Es stellen sich deshalb an die Arbeit in der Reitbahn besondere Anforderungen, die immer auch zum Ziel haben, diese Nachteile zu minimieren.

Zu ihnen gehört die pedantisch genaue Ausführung einer jeder Übung, der genau gekennzeichnete Übergang zwischen den einzelnen Übungen und der bewusste Wechsel zwischen Stellung und Geraderichtung. Bald schon wird die halbe Parade zum zentralen Mittel der Verständigung und des Gleichgewichts. Der Reiter beschränkt sich auf wenige gezielte Anweisungen und überlässt die Ausführung der Übungen dem Pferd. Die Übung ist es, die das Pferd verbessert.

Dem Pferd eröffnet sich so eine neue, eine akademische Welt, an der es schnell Gefallen findet, wenn und solange die Anforderungen einem Spiel mit klaren Regeln ähneln. Sie gelten für jeden Ritt in der Reitbahn und für alle Pferde. Auch Pferde, die regelmäßig Gelegenheit haben sich im Gelände unter dem Reiter zu tummeln, profitieren von den klaren Spielregeln der Reitbahn.

Pferde welche auf dem Königsweg des jungen, gesunden Pferdes nicht in die Aufrichtung finden, laborieren mit Schiefen, die die Aussicht auf einen fröhlichen Ausritt erst einmal in weite Ferne rücken lassen. Während sie in der Geraderichtung Zwei  das Heben der Vorhand wieder entdecken, stellt sich die Frage, warum sie nicht selbst darauf gekommen sind.  Eine gründliche Überprüfung der Gesundheit ist deshalb angesagt. Stimmt die Hufbalance? Ist der Strahl gesund? Hat das Pferd Schmerzen? Im Rücken, im Kopf, in den Beinen? Ist es entmutigt, oder vielleicht sogar verwirrt? Versteht es den Reiter überhaupt? Fühlt es sich verstanden? Welchen Grund hat es, seinem Unmut durch das Fallenlassen des Rückens Ausdruck zu verleihen?

Die Übungen der Geraderichtung Eins dienen dem Geraderichten der Hinterhand. Die Übungen der Geraderichtung Zwei dienen der Aufrichtung der Vorhand. Letztere schaffen damit die Voraussetzung für die Geraderichtung der Vorhand. Die Übungen der Geraderichtung Zwei ebnet nicht nur den Weg zur Nutzung anders häufig nicht trainierbarer Pferde. Sie sind Grundlage einer Schule der Reiterei, die ohne das Gegeneinander der reiterlichen Einwirkungen (man spricht von ihnen als Hilfen!?) auskommt. Das Pferd entwickelt sich nicht nur durch passende Progressionen seine Bewegungsabläufe, sondern wird auch als intelligentes Wesen vom Reiter als Lehrer direkt angesprochen. 

Die Übungen, die normalerweise das gesunde junge Pferd - nach der Kräftigung im Gelände - auf dem Weg zur klassischen Ausbildung weiter verbessern, helfen dem Reiter den Zugang zu sehr schiefen, schlimm verdorbenen und verbohrten Pferde zu finden. Sie beginnen mit einigen fliessenden Seitwärtstritten, gefolgt vom Schreiten auf der Geraden und korrektem Durchreiten der Ecke. Das Schreiten am langen Zügel liefert den Takt, in dem - nach anfänglich langsamen kurzen Tritten - letztendlich auch der verkürzte Schritt geritten wird. Reiten am hängenden Zügel bereitet die Hanken auf Belastung vor und entlastet sie immer wieder. Der aufrechte Schritt in taktreinen kurzen Tritten belastet die Hanken.

Häufig erweisen sich dabei sofort Probleme, die nicht nur mit der Schiefe, sondern mit fehlender Zustimmung zu tun haben. Und, da solche Pferde aufgrund ihrer Schiefe und der falschen Haltung ungelenk und/oder instabil sind, das Schliessen der Kruppe oft nicht gesichert und die Anlehnung, wenn überhaupt nur an einer Hand möglich, sind die Mittel des Reiters begrenzt, um positiv und regulierend auf das Pferd einzuwirken.  Der bevorstehende Arbeitsabschnitt kann deshalb Zeit raubend sein. Er stellt Ansprüche an die Geduld und das Gefühl des Reiters.

Das gesunde, junge Pferd, welches sich auf dem Königweg gerade- und aufgerichtet hat, kann zwischen Schieben und Tragen unterscheiden. Es hält ohne wesentliche Einwirkungen an, steht und tritt wieder an. Eine Abstimmung zwischen Pferd und Reiter hat stattgefunden, die weiter geht als jede reiterliche Technik. Das Pferd liest den Reiter. Es ist sich seiner Absichten bewusst und ordnet ihnen seine Bewegungen unter. Ganze und halbe Parade geschehen so im Fluss und erfordern keine besondere Aufmerksamkeit.

Das ändert sich mit der genauen, akademischen Ausführung gezielt gewählter Übungen. Bevor der Reiter mit Schaukel, gezähltem Schritt und der Hinterhandwendung beginnen kann, muss er sich mit dem Pferd zum Thema Halten und Sich-Aufnehmen ohne Zügelanzug verständigen. Grundlage dazu ist das reiterliche Gleichgewicht, welches im verkürzten gut aufgerichteten Schritt zustande kommt. Nur was nun? Gerade dieses reiterliche Gleichgewicht fehlt ja bei den Pferden der Geraderichtung Zwei. Sie sind weich, wackelig, nicht auf der Hinterhand und wollen häufig den Hals nicht heben. Sie neigen zum Schieben und können eben nicht zwischen Schieben und Tragen unterscheiden. Was also tun?

Wir erinnern uns an die Wirkung der Vorhandwendung. Die Hanken dehnen und die Kruppe schliesst sich, das Pferd hebt den Rücken und entwickelt ein Bewusstsein für die hebenden Funktionen der Vorhand. Geraderichtung Zwei beginnt deshalb am erfolgereichsten mit der in klassischer Zügelführung ganz genau ausgeführten Vorhandwendung an der Hand, aufgelockert mit Seitwärtstritten und lösendem Schulterherein.

Aufgesessen nimmt der Reiter nach einigen Runden im Schritt ohne Einwirkungen auf das Gebiss die Zügel auf, hält an, hebt den Hals des Pferdes vorsichtig und verlagert so das Gewicht auf die Nachhand. Das Üben beginnt mit dem Verkürzen des Schritts. Dabei kommt es zur ersten Abstimmung. Das Pferd muss bei verkürzten Tritten nähmlich die Halsbasis aufrichten und die Hanken belasten. Und, - wenn der Reiter sich geschickt anstellt und die Verteilung des Gewichts durch den Einsatz seiner Hände entsprechend einsetzt (siehe hier...), hat er das Pferd schnell im reiterlichen Gleichgewicht. 

Aber nicht nur das. Er kann durch die entsprechende Verteilung des Gewichts auf die vier Beine des Pferdes die Auswirkungen der Schiefe minimieren. Und, - je bessere das Pferd in gehobener Haltung nach und nach im abgekürzten Schritt, unterbrochen durch Stehen und/oder Schritt am hingegebenen Zügel, sein reiterliches Gleichgewicht beherrschen und die Hanken belasten lernt, umso einfacher werden die kleine Schaukel und zunehmenden Tritte einer langsamen, getragenen Hinterhandwendung.

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