Alles zum Thema Barhuf

4. Folge: Gründe für Beschlag? - Übliche Antworten kritisch betrachtet.

Event Consulting International GmbH - Mär 28, 2009: Im heutigen Artikel beschäftigen wir uns u.a. mit folgenden Barhuf-Themen:
Barhuf trotz viel Schotter im Gelände?
Mein Schmied hat gesagt, mein Pferd könne nicht Barhuf laufen...

Der nachstehende Artikel wurde uns freundlicherweise von Frau Tina Gottwald aus Waldems zur Verfügung gestellt. Wir danken Ihr recht herzlich dafür.

Hier einige häufig zu hörende und zu lesende Antworten von Reitern bzw. Hufexperten, warum das Pferd Beschlag bräuchte und meine Einschätzung dazu.

"Wir haben viel Schotter und Asphalt im Gelände"

Allgemein kann ein normales Pferd bei freizeitmäßiger Reitbeanspruchung und entsprechender Haltung/Training auch auf etwas härterem Boden problemlos barhuf geritten werden. Schaut man sich das Reitgelände der Leute an, die obige Begründung angeben, stellt sich heraus, dass das Argument meist nicht sinnvoll ist.

Bei einem sinnvollen Training der Hufe kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass es problemlos möglich ist, Pferde auch in sehr steinigem Gelände barhuf zu reiten. Bei uns ist es so steinig, dass es bei vielen beschlagenen Pferden Probleme mit der Haltbarkeit der Eisen gibt.

Daneben gibt es natürlich, wenn wirklich (zeitweise?) zuviel Abrieb vorliegt, die Möglichkeit, Hufschuhe evtl. Kunststoffbeschlag einzusetzen.
Dies kann z.B. geschehen, wenn für einen Wanderritt Hufschuhe eingesetzt werden oder wenn für die Dauer eines Distanzrittes mit Plastics beschlagen wird (diese sollten direkt nach dem Ritt wieder entfernt werden!).

Eine häufige Fehleinschätzung ist die Trennung der Probleme "Hufform" und "Abrieb". Beides hängt sehr eng zusammen. Warum? Nur bei einem symmetrischen Huf findet eine symmetrische, das heißt optimale Abnutzung statt.


Ein Naturboden- Weg. Ideal für flottes Tempo ;-)


Ein Vorsiebweg, wie sehr häufig zu finden. Kann problemlos barhuf beritten werden. Auch Trab und Galopp kein Problem.


Vorsieb Detail

 


Dieser Schotter (Typ "Bahngleisschotter") wurde vor einem halben Jahr aufgeschüttet. Die Fahrspuren sind schon relativ glatt und recht gut passierbar. Die Steine sind ca. 3-5 cm groß und spitz. Hier darf ein Pferd schon schauen, wo es seine Hufe hinsetzt (das tut es auch mit Hufschuhen) aber es darf nicht fühlig oder einknickend laufen. Selbstverständlich sollte man hier nur Schritt reiten... 

"Aber die Pferde laufen beschlagen doch viel besser"

Diese Einstellung hört man oft. In Wirklichkeit ist aber das Gegenteil der Fall...

Es gibt kein Pferd mit besseren, elastischeren und trittsicheren Bewegungen als ein Barhufpferd mit gesunden Hufen. Dies bekommt man als Reiter bei verschiedenen Einsatzzwecken des Pferdes zu spüren, vom Geländereiten bei schwierigen Bodenverhältnissen über Dressurreiten bis zum Springen.
Wer das einmal fühlen durfte, der wird sich nur sehr ungern wieder auf ein beschlagenes Pferd setzen...

Leider kennen viele Reiter kein Pferd wie oben. Immer noch ist es "Standard", ein Reitpferd zu beschlagen. Und leider ist es auch so, dass viele falsch ausgeschnittene Barhufpferde wirklich fühlig auf hartem Boden laufen. Das ist falsch- es geht anders- und zwar bei jedem normalen Pferd. 

Entweder es handelt sich um ganz simple Ausschneidefehler wie hebelnde Wände nicht bearbeiten, Sohle zu stark ausgeschnitten, Huf zu stark von unten gekürzt (das passiert bei Schmieden, die einen barhuf genauso zubereiten wie einen Huf vor dem Beschlag!) oder um Pferde in der Barhufumstellung.

Ein Pferd mit vom Beschlag geschädigten Hufen wird auf schottrigem Boden zunächst fühlig laufen. Hier ist Schonung, der Einsatz von Hufschuhen und vernünftiges Training angesagt. Wenn der Besitzer dazu keine Lust/Geduld hat, ist er es, der nicht "barhufgeeignet" ist.

Der bei weitem häufigste Grund sind schlechte Hufformen, die bei höherer Belastung (harter Boden) dem Pferd Schmerzen bereiten. Hier hilft nur Korrektur am Barhuf. Eisen kaschieren die Symptome und Warnungen und führen früher oder später zu Gesundheitsschäden beim Pferd.
Ein gute Barhufpferd läuft über alle Böden- auch Schotter.

Die meisten Schmiede haben von Barhufen wenig Ahnung, beschlagen fast ausschließlich mit Eisen. Oft sind sie der Meinung, dass Reitpferd= Eisenbeschlag. Es gibt Ausnahmen, die prinzipiell Barhufe befürworten, leider haben die meisten eine mangelhafte Ausschneidetechnik, welche nur wenigen Pferd erlaubt, problemlos barhuf zu laufen. Die Möglichkeit, am Barhuf zu korrigieren, erscheint vielen völlig ungeheuerlich ;-)

Lange Rede, kurzer Sinn: Mir haben 3 verschiedene Schmiede mit sehr guten Ruf gesagt, nein, mein Pferd könne niemals barhuf geritten werden. Komisch, mein Pferd straft sie heute Lügen ;-) Jetzt habe ich angeblich ein "Ausnahmepferd" :-D


"Mein Pferd hat eine ganz schlechte Sohle, ich kann sie mit dem Hufkratzer abkratzen"

Eine riesige Fehleinschätzung. Hier handelt es sich keineswegs um eine schlechte Hornqualität, sondern um simples Zerfallshorn. Was ist das, und wie entsteht es? Die Sohle produziert ständig neues Horn. Bei manchen Barhufpferden löst sich das Horn erst spät von selbst oder auch gar nicht (z.B. bei "wuchernden Eckstreben", bei Beschlag löst es sich meist gar nicht. Das Horn in der obersten Schicht der Sohle ist nun schon eigentlich überflüssig und beginnt langsam abzubröseln. Hat sich einiges Zerfallshorn angesammelt, lässt es sich mit dem Hufkratzer abkratzen. Es sieht "dramatisch" aus, ist aber ganz natürlich. Das Zerfallshorn ist Horn, das über die natürlich Sohlendicke des jeweiligen Pferdes hinausgeht und völlig überflüssig ist. Es kann entfernt werden. Kratzt man es beim Hufeauskratzen etwas weg, ist das keinesfalls schädlich. Die Sohle selbst kann nicht mit dem Hufkratzer verkratzt werden...


"Mein Pferd hat Steingallen in der Sohle, ich kann ohne Eisen nicht ausreiten"

Die sog. Steingallen (rote bis blau- lila Stellen in der Sohle) gehören eindeutig in das Reich der Legenden. Angeblich entstehen sie, wenn das Pferd im Gelände auf einen Stein tritt.
In Wirklichkeit passiert folgendes: Durch diverse Ausschneidefehler, allen voran das Wuchern lassen der Eckstreben, befindet sich zuviel Horn auf der Sohle. Dieses drückt bei jedem Schritt wie ein Stein im Schuh und verursacht einen Bluterguss in der Sohle. Ordentliches Ausschneiden löst das Problem, die Steine im Gelände haben damit nichts zu tun (es sei denn, z.B. ein großer Stein verklemmt sich in der Strahlfurche und bleibt dort sehr lange unentdeckt, werden täglich die Hufe ausgekratzt, besteht da keine Gefahr)
Eine Gefahr echter Steinschäden gibt es bei schwachen, dünnen Sohlen- und die gibt es logischerweise gerade bei Beschlag, weil die Hufe verweichlicht werden, das Eisen aber nicht vor großen Steinen schützt. Daher sieht man die meisten Steingallen auch bei beschlagenen Pferden. Mein Pferd hat blütenweiße Sohlen obwohl er täglich auf sehr steinigem Boden läuft...


"Mein Pferd hat weiße Hufe, die die so empfindlich"

Die Hornqualität ist nicht von der Farbe abhängig. Genauso wenig die Abriebfestigkeit. Ein Pferd mit weißen Hufen hat keinerlei Nachteile. Beweis: Gäbe es es Abhängigkeit der Abriebfestigkeit von der Farbe, so würden sich gestreifte Hufe ungleich ablaufen, was definitiv nicht der Fall ist (schwarz würde stehen bleiben, weiß sich weglaufen).


"Mein Pferd hat eine schlechte Hornqualität"

Paradoxerweise wird eine schlechte Hornqualität erst durch Eisen verursacht. Bis auf seltene Ausnahmen ist schlechte Hornqualität hausgemacht.
Durch:

  • Beschlag
  • falsche Haltung (zu wenig Bewegung, Matratze)
  • Fütterungsmängel

Denn ein Huf braucht, um belastbar nachzuwachsen, die Reize verschiedener Untergründe und Bewegung. Durch einen starren Beschlag wird der Huf ruhig gestellt, die Hornqualität lässt nach, zusätzliche Schäden entstehen durch Aufbrennen oder Ammoniak in der Einstreu. (dieser versetzt das Horn).

Viele langjährig beschlagene Pferde gelangen irgendwann an den Punkt, wo ihre Hufe eher bröseligem Blätterteig ähneln als einem gesunden Huf. Nageln ist nicht mehr möglich, ständig gehen die Eisen verloren... (Die Ursache dieses Problems liegt immer hauptsächlich bei den Eisen!)

Doch in diesem Zustand nun auf Barhuf umstellen, fragt sich dann der Besitzer. Ist das möglich?

Die Antwort ist ja, und es ist die einzige langfristig Erfolg versprechende Lösung!

Evtl. ist es möglich, an solchen Bröselhufen noch ein ganz leichtes Eisen anzubringen, einen Beschlag anzukleben o.ä.. Das geht aber meist nicht besonders lange gut, und die Situation ist schlimmer denn je. Die beste Heilung ist immer die, die Ursache zu entfernen!

Die Barhufumstellung bei solchen Hufen ist sozusagen eine Notbremse, die die Hufe noch retten kann. Der Reiter wird allerdings etwas Mühe einplanen müssen, um sein Pferd wieder zu gesunden Hufen zu verhelfen.

Wichtig ist es, sich an einen sehr kompetenten Barhufbearbeiter zu wenden. Evtl. muss die Umgebung entsprechend gestaltet werden, das Pferd könnte eine zeitlang Hufverbände/Hufschuhe benötigen...
Reiterliche Ziele müssen da ersteinmal hintenanstehen. Auch wenn das restliche Pferd wie das blühende Leben aussieht, top läuft etc. Wie sagt man so schön: Ohne Huf kein Pferd!.

Im Laufe der Barhufumstellung werden sich Qualität und Wachstumsgeschwindigkeit des Hufes normalisieren und die Hufe werden belastbar.

Übrigens: Zusatzfutter ohne Barhufumstellung wird an den Hufen nichts bis wenig ändern, da hier höchstens ein Nebenfaktor liegt!

Auffällig ist, dass es bei gesunden Barhufen keine 'trockenen, weichen, spröden, zu harten... usw. ' Hufe gibt, sondern nur solche einer guten, sehr einheitlichen Qualität. Es gibt nahezu keine Unterschiede zwischen verschiedenen Rassen.
Das Pferd ist eine Lebensform, die schon seit Jahrmillionen im wesentlichen in der heutigen Form existiert. Durch Zucht sind solche 'Grundeigenschaften' wie die Hufe des Pferdes zum Glück nur sehr schwer zu beeinflussen, da diese Erbanlagen über sehr lange Zeit bestand hatten.

"Mein Pferd hat ein geringes Hornwachstum"

Hier gilt im Prinzip das gleiche wie im vorigen Punkt zur Hufqualität. Oft tritt beides auch gemeinsam auf.

Mit Eisen wir das Hufwachstum massiv eingeschränkt, da der Huf keine Wachstumsreize durch Bewegung und Hufmechanik erhält. Barhuf erledigt sich das von selbst. (natürlich nach einer gewissen Umstellungszeit)

"Mein Pferd hat flache Hufe mit wenig Sohlenwölbung"

Die Hufform eines Pferdes ist durch die Rasse und die Aufzuchtbedingungen bestimmt. Kaltblüter, Tinker oä. haben normalerweise sehr breite, flache Hufe mit wenig Sohlenwölbung, wohingegen Araber meist sehr steilwandige Hufe mit viel Sohlenwölbung haben. Weiche Böden in den ersten Monaten der Aufzucht ergeben flache Hufe, harter Boden steile.

Oft wird behauptet, dass ein Pferd mit flachen Hufen nicht barhuf laufen könne. Dies ist jedoch nicht der Fall, vielmehr erfordern flache Hufe eine gute Bearbeitung, denn nur "aufeinandergelaufene" Hufe verhindern ein fröhliches Barhuflaufen.

Flache Hufe neigen bei fehlender oder falscher Bearbeitung dazu, sich zu verbiegen und wuchernde Eckstreben zu bilden. Beides ist dem Pferd unangenehm. Resultat ist Fühligkeit.
Werden die Hufe korrekt bearbeitet, so dass die Wände gerade bleiben und die Eckstreben nur wenig über Sohlenniveau stehen, wird das Pferd gut barhuf laufen.

 
Vorderhuf einer jungen Stute (noch ungeritten, Lebenslang Barhuf). Deutlich sind die extrem verbogenen Wände zu erkennen. Kaum Sohlenwölbung vorhanden, auch ohne Belastung deutliche Fühligkeit auf härterem Boden.

 
Der selbe Huf 4 Monate später. Noch lange nicht perfekt, die Veränderung sollte jedoch deutlich sichtbar sein. Fühligkeit ist verschwunden. Stute wird nun langsam angeritten.

 
...und noch einen Monat später.  Der Huf ist aufgerichtet, Sohlenwölbung wiederhergestellt, Pferd läuft problemlos auf jedem Boden.

 
Nov07: Der selbe Huf vollständig aufgerichtet. Ein weiteres Beraspeln von außen ist nicht nötig, der Huf bleibt in diesem Zustand, da das verursachende extreme Übergewicht des Pferdes abgebaut wurde. Der Huf weist eine geringe Ungleichbelastung auf (Innenwand) die bei der nächsten Hufbearbeitung bearbeitet werden wird. 

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass am Huf lediglich mechanische Probleme gelöst werden können. Dies heißt, dass man einen Huf, der durch mangelhafte Hufbearbeitung (z.B. Beschlag) zum Flachhuf geworden ist, problemlos durch korrektes Arbeiten wiederherstellen kann. In vielen Fällen liegt jedoch zusätzlich ein Stoffwechsel/Fütterungsproblem vor. Man kann solche Fälle als schleichende Rehe betrachten, der Huf wächst niemals völlig verbunden nach, auch wenn die Hufbearbeitung perfekt ist.

Solche Fälle können nur durch die Kombination korrekter Hufbearbeitung mit der Beseitigung der Ursachen effektiv korrigiert werden -aber sie sind korrigierbar!.

"Ich starte auf Turnieren, dort reiten alle mit Eisen"

Leider setzen sich gerade in FN- Kreisen neue Erkenntnisse recht langsam um... Fakt ist, dass auf Turnieren nahezu jedes Pferd beschlagen ist.
Tunierstarts sind aber nun wirklich kein Grund, um mit Eisen beschlagen zu lassen. Dressurpferde werden hauptsächlich auf weichen, wenig abriebintensivem Boden geritten, auch in höheren Klassen sind Eisen unnötig. Barhuf besteht weniger Verletzungsgefahr und die Pferd zeigen natürlichere Gänge.

Beim Springen reicht im Freizeitbereich die Rutschfestigkeit des Barhufes bei weiten aus. Ein Barhuf ist so rutschfest wie ein Eisen mit Stollen. Blanke Eisen sind sehr rutschig, diese Eigenschaft muss über große Stollen wieder ausgeglichen werden. Erst bei sehr ungünstigem Boden oder sehr hohen Sprüngen sind zusätzliche Stollen nötig. Diese Bereiche fallen aber eindeutig unter Leistungssport.

Western- Sport: Hier werden für die bekannten Sliding- Stops spezielle extrem glatte Eisen benötigt. Diese sind in besonderer Weise verletzungsträchtig (Herde, rutschen, Ausritte) und negativ hufformverändernd. Es gibt Leute, die Sliders auf Hufschuhe schrauben. Ansonsten besteht aber die Frage, ob diese Stop- Praxis so mitgemacht werden muss, oder ob es sich hier inzwischen nicht um Auswüchse handelt, die nicht mehr im Sinne einer pferdefreundlichen Ausbildung sind.

Ganz nebenbei steht gerade im Hänger mit Barhufpferden eine deutlich geringere Rutsch- und Verletzungsgefahr.


"Mein Pferd hat Steinchen in der weißen Linie/Blättchenschicht"

Häufig zu hören. Die eigentliche Ursache sind schlechte Hufformen, die eine zu große Belastung der Blättchenschicht verursachen (zu schräge Wände meist!). Die auseinander gezogene Blättchenschicht ist nicht mehr haltbar genug und bietet den Steinchen freien Eintritt. In einem gesunden Huf setzen sich keine Steinchen fest, auch wenn Streusplitt auf Asphalt liegt.

Steine können nur in einen geschwächten Huf (bzw. Blättchenschicht) eindringen. Dies kann der Fall sein:

  • in der Barhufumstellung von jahrelang beschlagenen Pferden mit folglich sehr schlechter Hufqualität, hier kann das auftragen von Hufhärter auf die Blättchenschicht/Tragrand nützlich sein
  • bei Hufen mit schlechter Form, insbesondere bei zu schrägen/hebelnden Wänden und damit zusammenhängend meist auch Fäulnis in der Blättchenschicht. Hufkorrektur schafft Abhilfe, Beschlag verdeckt nur.

Einzelne Steinchen kann man im Huf lassen. Sammeln sich massenhaft Steine in einer Art Rille, sollte man zuallererst die Ursache (=Hufform) behandeln. Damit nicht noch mehr Steine eindringen, wird die Rille zunächst von allen Steinen gereinigt und dann mit Mullbinde ausgestopft.

"Mein Pferd braucht aber einen orthopädischen/Korrekturbeschlag"

Ein häufiges Argument vieler Schmiede/Tierärzten für einen Beschlag ist eine Fehlstellung. Zunächst zum Fohlen: Beim jungen Fohlen können Fehlstellungen sehr effektiv korrigiert werden. Dort darf auch drastischer gearbeitet werden. Zur Korrektur werden manchmal Fohlenklebenschuhe eingesetzt. Wenn ein erwachsenes Pferd (älter als ca. 1,5...) jedoch eine Fehlstellung hat, ist diese leider nicht mehr groß zu ändern. Typisch sind zehenenge- und zehenweite Stellungen. Hier kann und muss der Huf so bearbeitet werden, dass er symmetrisch wird. Ist dieser dann nach innen oder außen z.B. verdreht oder ein Huf etwas steiler als der andere, dann ist das eben so. So ist der Hufzustand optimal und damit die Belastung bestmöglich als Fundament für dieses spezielle Pferd. Eine solche Korrektur geht am besten an Barhuf. Da nicht unbedingt vorausgesehen werden kann, in welche Stellung der Huf möchte ist eine Korrektur mit Beschlag ein Fischen im Trüben. Geradeschneiden wie hier oft mit Beschlag gemacht ist Gift für die Gelenke, da diese dann erst recht ungleichmäßig belastet werden.
Es muss noch bemerkt werden, dass leichte Abweichungen von Ideal in der Regel bei guter Hufform ein Pferd nicht beeinträchtigen.

Man muss sich im klaren sein, dass das Eisen als Schmerzmittel wirkt, durch ruhigstellung, minderdurchblutung. Denn der Huf kann sich ja nun nicht mehr an den Boden anpassen, arbeiten. Gleichzeitig wird jedoch die Korrektur des Hufes unmöglich gemacht. Der orthopädische Beschlag ist meist nur symptomatisch dafür, dass die eigentliche Ursache nicht erkannt wird. Ein ruhigstellender Beschlag mag in Einzelfällen sinnvoll sein bei einem unheilbar kranken Pferd, das noch einige Zeit auf der Koppel sein Rentendasein genießen soll. Die aber geradezu inflationäre Verwendung von Eiereisen, Keilen, und sonstigen Korrekturbeschlägen bei Reitpferden ist ein Armutszeugnis!

"Mein Pferd braucht einen Spezialbeschlag aufgrund einer (alten) Sehnenverletzung"

Meist kompletter Unsinn. Bei Sehnenverletzungen wird oft ein Beschlag angebracht, der die Trachten höher stellt und so die Beugesehne entlasten soll. Oft werden aber auch Eiereisen als Sehnen- Korrekturbeschlag verwendet.

Zuerst du den Eiereisen, die leider extrem oft verwendet werden. Diese haben nun wirklich überhaupt keinen nutzen für die Sehnen. Die Eiereisen sollen ein Einsinken des hinteren Hufbereichs verhindern, welches bei offenen Eisen auch wirklich auftritt. Allerdings sinkt beim barhuf kein Bereich des Hufes übermäßig ein. (ein Sehnenpatient sollte nicht zuviel in weichem Boden bewegt werden...)
Die Eiereisen hemmen die Beweglichkeit des Hufes noch stärker als normale Eisen, schalten somit noch stärker jede Schmerzempfindlichkeit aus.
Durch das hohe Gewicht der Eiereisen werden die Sehnen bei jedem Schritt stark zusätzlich belastet.
Barhuf (bei guter Hufform) hat man bereits die optimale Belastung der Beine und Hufe, gerade bei Sehnenproblemen kann man es durch Eiereisen nur schlechter machen. Für die Heilung jeder Verletzung ist Durchblutung wichtig, diese wird durch die Eisen eingeschränkt. Besonders leidet die Hufform extrem unter dem Einsatz von Eiereisen, was sehr schnell zu Problemen führen kann. Besonders leicht gibt es mit Eiereisen untergeschobene Trachten, diese Hufstellung ist das letzte, was schon geschädigte Sehen gebrauchen können...

Der Einsatz von Keilbeschlägen ist ebenfalls unsinnig. Sie haben einen höchst destruktiven Einfluss auf die Hufform. Keile haben nur den Effekt, dass sich die Belastung auf den Trachten erhöht (siehe hierzu auch folgende Dissertation), die Trachten werden sich, je länger die Keile benutzt werden, desto stärker unterschieben, bis schließlich die alte Stellung wieder erreicht ist und dickere Keile verwendet werden... Ein Teufelskreis.

Zur Heilung von Sehnenverletzungen braucht es viel Zeit, aber keine Eisen!

Wichtig: Jeder Spezialbeschlag bringt evtl. eine Entlastung eines einzelnen Bereiches, aber gleichzeitig eine Belastung eines anderen Bereiches. Es wird ein Ungleichgewicht geschaffen, das in der Regel mehr Probleme verursacht als löst!

"Hufrollenbeschlag"

Viele Reitpferdekarrieren enden mit der Diagnose Hufrolle. Es wird in der Regel ein Eiereisen mit Polsterung und Keilen angebracht, oft genug der Huf durch einen Nervenschnitt schmerzfrei gemacht. Hufrolle gilt als unheilbar, die Perspektive liegt oft nur noch in einer zeitlich begrenzten Nutzbarmachung des Pferdes mittels Beschlägen und/oder Nervenschnitt. Meist nach wenigen Jahren ist das Pferd endgültig platt und wird eingeschläfert.
Aus der Barhuf- Sicht sieht die Perspektive jedoch schon viel erfreulicher aus. Zum einen hat man ein mächtiges Instrument zur Vorbeugung in der Hand, zum zweiten können die allermeisten (nicht alle, leider) Pferde mit Hufrollensyndrom durch korrekte Barhufbearbeitung geheilt werden. Geheilt schreibe ich deswegen in Anführungszeichen, da die Knochenschäden nicht rückgängig gemacht werden können. Jedoch sind von außen keine Anzeichen mehr zu erkennen, das Pferd ist Barhuf noch ganz normal reitbar und die Hufrolle macht in der Regel nie wieder Probleme.
Ich persönlich habe noch kein Pferd mit Hufrollenproblemen gehabt, daher möchte ich auf einige Berichte von erfahrener Barhufbearbeiter und anderer Pferdebesitzer verweisen.
Pete Ramey berichtet unter anderem in seinem Buch von mehreren als platt geltenden Hufrollepferden, die mit korrekt bearbeiteten Barhufen jetzt in einen professionellen Wanderreitbetrieb in bergigem Gelände ohne jedes Problem laufen.
Dr. Strasser berichtet von mehr als 100 Hufrollepferden, die Barhuf wieder ans laufen gebracht wurden.
In den letzten Jahren habe ich mehrere Berichte von Pferdebesitzern gelesen, wonach Pferde, deren Todesurteil quasi schon gesprochen war, seit mehreren Jahren problemlos Barhuf laufen und nie wieder irgendein Problem hatten.

Warum die erfreuliche Heilung am Barhufpferd möglich ist, zeigen die Forschungen von Dr. Bowker, siehe Kasten rechts

Forschungen von Dr. Bowker und Dr. Politt (sehr interessant!, in englisch)

Die beste Vorbeugung gegen Hufrolleprobleme:

  • Zuchtauswahl: Vernünftige Größenverhältnisse von Huf und Pferd sollten erwünscht sein, keine Muskelpakete auf Ponyhufen züchten! (Halter-Quarters). Das selbe gilt für Mischungen sehr unterschiedlicher Pferdetypen, ein schweres Pferd auf Spargelbeinen ist ungünstig. In deutlicher Übergröße gezüchtete Pferde sind auf den Beinen rein mechanisch viel anfälliger als kompakte. Keine Zucht mit platten Stuten...
  • Beim Fohlen/Jungpferd: Haltung mit 24h freier Bewegung auf verschiedenen Untergründen (nicht nur weicher/matschiger Boden), auf gar keinen Fall gehört ein Fohlen/Jungpferd in eine Box! Regelmäßige (ca. alle 4 Wochen) Hufbearbeitung nach den gleichen Prinzipien wie beim erwachsenen Pferd. Hufbearbeitung 1-2x im Jahr wie leider vielerorts üblich ist ein absolutes Unding und der Grund für viele Fehlstellungen. Bei sehr harten, trockenen Böden kann es sein, dass man Hufe seltener bearbeiten muss, aber das ist eher die Ausnahme. Mineralversorgung, keine Überversorgung mit Kraftfutter, damit die Jungpferde früh fertig aussehen..
  • Auf gar keinen Fall gehört ein Beschlag an einen nicht vollständig ausgereiften Huf (bis zum ca. 5 Lebensjahr, je nach Rasse).
  • Beschläge wo immer möglich vermeiden, stattdessen gesunde Barhufform mit Bodenkontakt des kräftigen Strahls.
  • Möglichst 24h freie Bewegung auf verschiedenen Untergründen.

Alle diese Maßnahmen stellen sicher, dass dein Pferd kräftige innere Strukturen ausbilden kann, die ganz direkt vor Hufrollenproblemen schützen.

Wie kommt es zu den Hufrollenveränderungen?

Dr. Bowkers Annahme ist, dass ein Großteil des Problems bei der tiefen Beugesehne und dem Strahlbeinband liegt.
Werden Strahlbeinband und tiefe Beugesehne aufgrund eines unterentwickelten Strahlkissens/Hufknorpels zu starken Belastungen ausgesetzt, wird das den Blutfluss in dieser Region kontrollierende System geschädigt. Als Folge(!!!) entstehen die bekannten Knochenveränderungen.

Ebenfalls sehr interessant ist, dass in der Veterinärmedizin eine Zehenfussung als Zeichen für eine Hufrollenerkrankung gilt- ganz im Einklang damit, dass das Pferd hier die Belastung des unterentwickelten Hufbereiches vermeiden will.

Behandlung:

Der traditionelle Weg mit orthopädischem Beschlag wird vor diesem Hintergrund ebenfalls verständlicher. Denn was passiert hier? - Der schwache stoßdämpfende hintere Hufbereich wird soweit wie irgend möglich von jeder Belastung/Vibration befreit- Polsterungen, Keile, steile Hufstellung, lange Trachten, kein Strahlkontakt mit dem Boden... Die Folge ist, dass die Ursache der Hufrollenschädigung bestehen bleibt, denn der hintere Hufbereich wird ja weiter außer Funktion gesetzt. Die Folge ist eine zeitlich begrenze Lahmfreiheit, bis irgendwann die Schädigung zu schwer ist...

Die Barhufbearbeitung geht den umgekehrten Weg. Hier ist erwünscht, dass der hintere Hufbereich gekräftigt wird, durch Herstellung einer gesunden Hufform und viel Bewegung. So bilden sich dann kräftige innere Strukturen, die Stoßdämpfung funktioniert wie von der Natur vorgesehen.
Ganz besonders wichtig sind: Strahlkontakt mit dem Boden, Trachtenfussung, ca. 2/3 des Hufes hinter der Strahlspitze. (Natürlich nicht sofort zu erreichen).
Beschläge sind für ein Strahlkissentraining grundsätzlich ungeeignet bis eingeschränkt geeignet, da das Training durch die ständige Be- und Entlastung des Strahles und der Trachten funktioniert. Dauerdruck ist sinnlos.
Ein wertvolles Mittel, um den Prozess zu beschleunigen, sind Hufschuhe, die zum Reiten/als Handpferd angelegt werden und eine Trachtenfussung erlauben, selbst wenn die inneren Strukturen noch zu schwach sind, um dem Pferd barhuf eine Trachtenfussung zu erlauben. Ein Polsterung aus Neopren unter dem Strahl in den Hufschuhen unterstützt dies ungemein. Die Ursache für die Hufrollenschädigung wird also entfernt.

"Mein Pferd hat Risse in den Hufen"

Keineswegs ein Grund für Beschlag, die Korrektur klappt am Barhuf viel besser! Risse entstehen durch Spannungen und Fehlbelastungen im Huf, durch sonst nichts! (Außer in ganz seltenen Fällen durch eine Verletzung am Kronrand, aber ganz eindeutig zu entscheiden) Die herkömmliche Behandlung von Hufrissen ist einfach nur eines. Wirklich traurig. Ein Eisenbeschlag ist das letzte, was man zur Heilung braucht.

Als Beispiel folge man folgendem Link:

http://www.equivetinfo.de/html/hornspalt.html

Der zu sehende Huf hat einen ziemlich gravierenden Spalt am Übergang Trachtenwand- Seitenwand. So etwas entsteht nicht von heute auf morgen, hier wurden lange Warnsignale übersehen oder ignoriert.

Der Huf ist insgesamt viel zu lang, mit massiv zu langen und untergeschobenen Trachten. Durch die Vorformung des Hufes kann der normale Hufmechanismus nicht mehr richtig funktionieren, am Übergang Trachtenwand- Seitenwand kommt es zu massiven Spannungen, und irgendwann reißt das Horn. Das gezeigte Ausfräsen des Spaltes macht die Situation nicht besser, nur schlimmer. Das Symptom wird zugekittet, die Ursache bleibt bestehen. Der defekt im Hufhorn wird noch größer gemacht, als er eh schon ist. Der zugegeben kreative Beschlag wird das Problem, nämlich die Hufform, nicht ändern. Resultat kann letztendlich eine Hornnarbe sein, hier wird die Lederhaut im Kronbereich verstört, was dann auch bei bester Korrektur immer eine Schwachstelle bleiben wird. Daher: Auch sog. Windrisse, die von vielen Hufbearbeitern verharmlost werden, sind eine Warnung! Eine deutliche, die Hufbearbeitung zu optimieren. Bei Korrektur der Hufform am barhuf wachsen Spalten einfach raus. Eine vollständige Heilung ist möglich, und selbstverständlich ist ein Pferd wieder voll reitbar, wenn kein bleibender Schaden an der Lederhaut geblieben ist. Noch ein Wort zu recht häufigen kleinen Rissen in der Zehenmitte, die angeblich angeboren sind. Das ist Blödsinn. Auch diese wachsen raus. Ursache sind meist dicke Zehenabweiser rechts und links der Zehenmitte (extrem dicker Tragrand, verbogene Seitenwände).

Was ist eigentlich mit den beliebten Querrillen zur Behandlung von Spalten?

Sie sind kompletter Unsinn. Wir die Ursache nicht beseitigt, wird der Spalt, Querrille hin oder her, weiterreißen. Lediglich als Markierung, ob ein Spalt schon herauswächst oder noch weiter reißt, sind sie sinnvoll.

"Mein Pferd hat zu flache Hufe und wenig Trachtenwachstum, braucht daher Keilbeschlag"

Unsinnig! Eine zu flache Hufstellung entsteht durch falsche Bearbeitung und kann nicht durch den Einsatz von Keilen wieder korrigiert werden! Keile wirken kontraproduktiv.
(Link Dissertation zur negativen Wirkung von Keilen)

Zu wenig Trachtenwachstum gibt es nicht. Die Trachten wachsen schon, bringen aber keinen Gewinn an Bodenhöhe, da sie im unphysiologischen Winkel zum Boden stehen (untergeschoben). Nachprüfbar durch an die Hornwand mit einer Raspel angebrachte Markierungen. Oft triff man diese Begründung zusammen mit "mein Pferd geht fühlig", logisch, da eine solche Hufform bei Belastung schmerzt.

Selbst wenn eine Korrektur eines schlechtes Hufzustandes mit Eisen trotz allem funktioniert, sie funktioniert einfacher (und in allen mir bekannten Fällen zuverlässiger) auch am Barhuf. Schneller funktioniert eine Korrektur mit Eisen sicher auch nicht (man kann nicht schneller korrigieren als Horn wächst...).

Wann ist ein Beschlag nun sinnvoll?

Beim Freizeitpferd ist, wie hier auf dieser Webseite dargelegt, ein Hufbeschlag in der Regel nicht notwendig. Hier, wann ein Beschlag sinnvoll/notwendig ist.

Allgemein gilt, dass versucht werden muss, den Huf sowenig wie möglich durch den Hufschutz zu schädigen. Dies bedeutet, zunächst Hufschuhen oder Kunststoffbeschlag den Vorzug zu geben. Darüber hinaus sollte der Beschlag nur dann am Huf sein, wenn er wirklich gebracht wird.

  • Im Leistungssport (Distanz, Springen, VS, Western), für den Freizeitreiter völlig irrelevant.
  • Bei (längeren) Wanderritten oder auch bei freizeitmäßigem Distanzreiten, wenn Hufschuhe keine Alternative und es erforderlich ist. Möglichst nur für die Dauer des Rittes anbringen. Bei wirklich gesunden Barhufen in der Regel aber unnötig, wenn vernünftig trainiert wird.
  • Beim unheilbar kranken Pferd, wenn der Beschlag es ermöglicht, die verbleibende Lebenszeit noch halbwegs schmerzfrei auf der Koppel zu verbringen. Aber gut prüfen und abwägen.
  • Bei 'pathologischen' Ausnahmefällen, wie z.B. einer Stoffwechselerkrankung die die Hornqualität extrem beeinträchtigt... (Sehr, sehr selten....)

 

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Welche Einflüsse hat die Form der Haltung und die Fütterung auf die Hornqualität?
Wie kann ich das Hornwachstum durch Ernährung beeinflussen?

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