Schritt ohne Einwirkungen aufs Gebiss

Christine Sander - Jan 18, 2010: 2. Folge unserer Serie über Dressulektionen. Frau Christine Sander erforscht im Rahmen des a.i.s. study-horsemanship seit 2001 Grundlagen einer neuen, modernen Reiterei. Weitere Informationen über die Arbeit von Frau Sander finden Sie unterhalb des Textes.

Ausführung und Wirkungsanalyse

Gelassen auf vier Beinen stehen war die Voraussetzung für die Vorhandwendung. Die Kruppe schliesst sich. Die Funktionen der Vorhand aktivieren sich. Beide Wirkungen braucht das Pferd, um den Reiter zu tragen. Nur so kann der Reiter das Pferd steuern. Sie sind Voraussetzung für den Schritt am hängenden, oder halb-gespannten Zügel. 

In der Reiterei entwickeln zwei Körper ein Gleichgewicht. Im Zuge der Vorhandwendung kommt es häufig zu einer spontanen Durchlässigkeit des Pferdemauls. Es ist als ob der Reiter die Hinterbeine des Pferdes mit den Händen dirigieren kann. Der Reiter ist sich der mittleren Stellung seines Bauchnabels (und damit seines Lumbosakralgelenks) bewusst und spürt so dem Gleichgewicht des Pferdes nach. 

Im Schritt beginnt die Feinabstimmung. Der Reiter sitzt still. Er gibt dem Pferd die Gelegenheit sich mit geschlossener Kruppe und gehobenem Rücken neu zu finden. Dazu gewährt er ihm die volle Beweglichkeit des Halses und die Wahl seiner Haltung. Er übt keinen Einfluss auf Unterkiefer und/oder Zunge aus. Das Schliessen der Kruppe und das Heben des Pferderückens bleiben erhalten. Der Rücken ist ruhig.   

Diesem Vorgehen liegt ein Konzept zugrunde. Aufmerksamkeit, Durchlässigkeit und die Bereitschaft, sich für den Reiter einzusetzen sind Voraussetzung für die Ausbildung des Reitpferdes, nicht ihr Ergebnis. Die Führung des Reiters wird an der Hand vorbereitet. Dabei lernt das Pferd auch die Führung am Gebiss kennen.

Schon in den ersten Tritten zusammen erweist sich der Ist-Status des Pferdes. Egal wie gut oder schlecht diese dem Pferd gelingen, es sind die ersten Schritte eines Weges, den es zu beschreiten gilt. Und, - schon in der ersten Wendung zeigt sich, ob und wie schief das Pferd ist. Anfangsschwierigkeiten sind kein Indikator für weitere Entwicklungen. Die Erfahrung zeigt, bei gewissenhaftem Vorgehen finden sich alle Pferde. Es geht nicht um Schönheit oder Leistung, sondern alleine darum zusammenzufinden und sich zu verstehen.

Wie Reiten?

In der Reitbahn kommt nach wenigen Tritten unweigerlich die erste Wendung. Und immer weiter wird gewendet. Richtig Wenden wird dadurch automatisch zum ersten Ausbildungsziel des Pferdes. Im Idealfall folgt dabei der Pferdekörper den Augen, die die Bewegungsrichtung erkunden. Das Genick ist automatisch richtig gestellt und die Wirbelreihe ist in Längsbiegung. Das Pferd belastet das innere Hinterbein und erhält damit zugleich das Heben des Rückens.

Der Reiter lernt die Beherrschung seiner zwei Seiten kennen und findet ihre Wirkungsweise auf das spezielle Pferd unter seinem Sattel heraus. Je nach dem Grad der Schiefe des Pferdes wird er seine Seiten jedoch bald unterschiedlich einsetzen. Sie wirken von der beweglichen Körpermitte des Reiters entweder zurück oder vor. Viele Pferde sind rechts biegsamer, wollen sich dafür aber auf dieser Seite nicht gerade machen. Links sind sie steifer und mögen auf der Seite selbst die Längsbiegung nicht; ganz zu schweigen von der Rippenbiegung.

Wie reagiert der Reiter? Ich zitiere noch einmal die Hilfen für die Vorhandwendung: "... sie gelingt am Besten mit dem adäquaten Einsatz der Energieströme. Das bedeutet das Anlegen des Ellebogens und eine Bewegung der Hand weg vom Pferdehals auf der Seite, von der die Hinterhand wegtreten soll." Genau die selbe Hilfe gilt im Prinzip für das Wenden. Nur, noch ist kein Kontakt zum Pferdemaul da. Das Pferd ist ja noch dabei sich selbst zu finden.  

Also hält der Reiter sich zunächst an die begleitende Körpersprache: "... und dann sachte die innere Seite des Körpers zurückwirken lassen. Dabei bleibt das Gleichgewicht des Reiterkörpers gewahrt und das Pferd versteht den Wink sofort". Soweit so gut. Das wird auf einer Seite sofort funktionieren, möglicherweise auf der anderen jedoch nicht.

Es ist deswegen sinnvoll, dem Pferd als nächstes die Wirkung des äusseren Zügels auf dem Hals zu verklickern. Diese hat nichts mit dem Ringfinger und/oder dem Gebiss zu tun. Der Reiter bewirkt sie durch das Drehen seiner Schultern in die Bewegungsrichtung. 

Und so führt der Reiter das Pferd je nach dessen Veranlagung mit dem Vorbringen der äusseren Seite. Dabei kommt der äussere Zügel an den Pferdehals. Oder er öffnet seine inneren Seite und hilft mit einem seitwärtsweisenden inneren Zügel weit weg vom Pferdehals nach. Immer bleiben die Ellebogen am Körper. 

Er setzt so die grundlegende Hilfe seines Körpers ein: Das Wenden der Seiten. Aus ihm gehen die Funktionen des Zügels zum oder weg vom Hals hervor. Diese Hilfen werden Pferd und Reiter für immer begleiten. 

Aus: "Die Elemente der Reiterei (2007)": Muskeln, die die Kruppe und das Sakralgelenk schliessen.

In diesen Hilfen sind die Grundbegriffe für alle Wendungen am Platz, für die Stellungen und die Seitengänge enthalten. Sie ermöglichen es dem Reiter das Pferd nach Wunsch so auf die Bewegungslinie zu setzen, wie er es braucht um das Pferd zügig und sicher geradezurichten. Diese Hilfen spielen bei jedem Richtungswechsel die Hauptrolle.

Zurück zum Schitt ohne Einwirkungen auf das Pferdemaul. Er wird im mittleren Tempo geritten. Aufhören, wenn die Bauchmuskulaturen ermüden, der Rücken sich senkt und das Pferd seine Haltung verliert. 

Nächstes Mal: Das Aufnehmen der Zügel...

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